16.10.14

Post Hipster

Das Zeitalter der Hipster ist zu Ende gegangen.
Ich lebe in der Hauptstadt Europas, und selbst an mir ging diese höchst subtile Entwicklung meilenweit vorbei: Die Hipster phasen out.
Ich saß gestern mit einem befreundeten Schuhmacher in meinem viel zu gemütlichen Wohnzimmer, das ich in dem Jahr seit meinem Einzug in dieser WG Kabel um Kabel und Gerät um Gerät zu einem veritablen Medien-Zenter ausgebaut habe.
Wir sind ein ungleiches Paar: Er verdient sein Geld im Schweiße seines Angesichts, indem er überteuerte Schuhe von zwielichtiger Qualität an über-solvente Mitbürger verkauft - ich verdiene mein Geld damit, indem ich tue, was auch immer die deutsche Kifferszene gerade braucht. Er kam nach Berlin, um zu feiern: Leben für die Wochenenden. Ich kam nach Berlin, um zu wachsen: Leben in der ewigen Gegenwart.
Ich mag den Kerl sehr, da wir uns super ergänzen: Er redet furchtbar gerne über sich selbst und ist froh, wenn man ihm bloß zuhört. Ich bin froh, dass alle Gespräche mit ihm Selbstläufer sind und ich nicht nonstop Folgefragen stellen brauch. Plus, er hat erstklassige Lagerfeuergeschichten auf Lager - das macht Zuhören lohnenswert.

Wir diskutierten über Mode im Merkel-Berlin des Jahr 2014 und über subtile feministische Hetzkampagnen. Mein Punkt war am Ende der, dass ich mich, seit ich in diesem angeblichen Ghetto lebe, deutlich sicherer und behüteter fühle als in dem Neonazi-unterwanderten Hinterwäldlerkaff aus dem ich stamme, wo nahezu jeder sprichwörtliche Leichen im Keller hat.
Wo die lokalen Autoritäten einen einfach in den Wald hinaus fahren können....

Er konterte, dass er bei den kaputten Gestalten, die in meiner Ecke hier zu bestaunen seien, verstehen könnte, wenn Frauen sich hier im Dunkeln nicht alleine auf die Straßen trauen würden. Ich konnte das nicht nachvollziehen. "Komm schon," sagte ich, "wenn ein Kerl dir sagen würde, er hätte Angst vor Frauen im Dunkeln, würdest du denken, fuck mit dem stimmt was nicht. Aber unsere Gesellschaft bekräftigt an jeder Ecke, dass eine Frau besser pauschale Angst vor uns Kerlen haben sollte. Als sei das nützlich!"
Er mochte den Vergleich, konnte mir aber nicht ganz zustimmen. Meine Hypothese, dass "Täter" und "Opfer" auf beiden Seiten des Geschlechtergrabens sich mehr oder weniger die Waage halten würden - aber unsere Medien aus werbe-taktischen Gründen auf einem Auge etwas blinder seien als auf dem anderen. Kapitalismus muss Frauen bei Laune halten, nicht Kerle. Dem zumindest konnte er lachend zustimmen.

In einer Hinsicht waren wir uns einig: In Berlin ist es definitiv erstrebenswerter, sich wie ein "Täter" zu kleiden als wie ein "Opfer" - wobei er meinte, die Figuren an meinen Straßenecken seien nochmal eine deutliche Ecke bedrohlicher als seine Nachbarn in Kreuzberg, wo es mehr "Freaks der Natur" gäbe. Ich musste lachen: "Kommt auf die Perspektive an! Ich als Anwohner empfinde es eher so, dass diese Jungs hier auf den Straßen in Wirklichkeit dafür sorgen, dass es hier sicher bleibt."

Als Kontrast dazu bezeichnete ich die Hipster als das ultimative "Opfer" im Berliner Spektrum: Die totale Aufgabe der Individualität für eine masochistische Pseudo-Ironie. "Oh, ich trage diese Jacke nicht, weil ich sie tragen möchte, sondern weil die postmoderne Kultur mich dazu zwang..." Doch er als professioneller Mode-Fachmann korrigierte mich schnell: Die Hipster seien doch mittlerweile fast alle verschwunden - oder hätten sich zumindest in so viele Splittergruppen zerbrochen, dass sie nie wieder einen Machtblock darstellen könnten.

Ich hielt inne.
Fuck.

Er hatte recht!

Wann hatte ich das letzte Mal ein Rich Kid in lächerlichen Kombinationen gesehen? Wann war mir das letzte mal ein Metrosexueller aufgefallen, weil er ein Ensemble spazieren trug, das auch meine Großmutter gemocht hätte? Selbst die Guido Westerwelle-Gedächtnis-Brille ist vom Deutschen An-Gesicht verschwunden.
War ich deswegen den ganzen Sommer über so gut gelaunt gewesen, weil mein Unterbewusstsein schon seit Monaten nicht mehr von diesen oberflächlichen, eingebildeten Aufmerksamkeitshuren belästigt wurde - ohne dass es mir überhaupt aufgefallen wäre? Ich erinnerte mich, dass mir vor ein paar Tagen auf einmal grinsend aufgefallen war, dass ich in einem U-Bahn-Wagen saß, in dem nahezu alle Passagiere wie ich gekleidet waren: Schwarz, schmucklos & haltbar?

Ich entgegnete die erste Erklärung, die mir durch den Kopf schoss: "Vielleicht haben die jetzt alle bloß ne Freundin gefunden und lassen sich Bärte stehen?" Er kicherte. "Hipster ist einfach sowas von gescheitert. Die wollten alle anders aussehen und sahen am Ende doch alle irgendwie gleich aus."
"Ja," sagte ich, "alternativ."
"Ja, es ist wie die Punks! Das war mal cool und abgefahren für ein paar Jahre, und dann wurde es ein Trend."
"Punk war sowieso eine Erfindung der Modelabels."
"Oh ja! Wenn ich daran denke, was ich als Junge für mein Punk-Outfit ausgeben musste..."
"Genau das meine ich ja! Bekämpfe das System - für nur Neunzehn-Neunundneunzig...."

Aber diese ganze Unterhaltung stimmte mich absolut positiv: Denn, wie wir alle wissen: Nach dem Punk kam der Post Punk, der klebrige Sound der späten Siebziger und frühen Achtziger. Die Vorfahren von allem, was heute geil und krank in unserer Musik ist. Ich spreche von Lou Reed, Iggy Pop, Joy Division, Bauhaus, Sonic Youth, Throbbing Gristle, Soft Cell... und all den Freaks, die ihrem Beispiel folgten... ein goldenes Zeitalter!

ALSO: Wenn es falsch ist, dass "sich eh nie was verändert", weil die Welt zumindest zyklisch ist - und ich bin geneigt, das zu glauben, denn ansonsten könnte man nicht erklären, dass die Welt immer noch lustig ist - dannnnnnnnnnnnn sollte auf den Hipster eigentlich der Post Hipster folgen.

Bald ist die Kultur wieder auf unserer Seite.

22.09.14

Die Propagandaschau

I've got my Propaganda
I've got Revisionism
I've got my Violence in Hi-Def-Ultra-Realism
All a part of this great Nation!

Ich bin nicht der Community-Typ… und deswegen habe ich in den letzten 10 Jahren einfach so getan, als würde die deutschsprachige Blog-Community mit mir enden. Aber hin und wieder finde ich Perlen, die ich einfach verlinken muss - wie der Blog Die Propagandaschau, den ich eben entdeckte, nachdem ich "Wieso wurde Spiegel zu einem Propagandablatt?" googelte. Sehr lesenswert! Was ich immer voraussetze oder andeute wird da seeehr genüsslich seziert. Schaut mal vorbei & show them some love!

I've got my Fist
I've got my Plan
I've got Survivalism

19.09.14

Download me!

Noch eine Nacht.
Ich fühle mich gut.
Ich tippe.
Ich starre auf die Punkte am Ende der Sätze, die ich bereits getippt habe.
Ich habe nichts anderes vor, als diese Folge "The Walking Dead" zu Ende zu kucken.
Ich fühle mich weitaus weniger produktiv, als ich es wahrscheinlich bin.
Ich frage mich, ob es irgendein "Früheres Ich" gibt, mit dem ich gerade tauschen würde - und finde keines.
Ich sollte endlich meine beiden Romane schreiben: "Die Droge Noir" und "Die Anlage".
Ich wundere mich, ob ich als Kinderbuchautor wirklich so viel Erfolg hätte, wie alle immer sagen.
Ich sollte meinen Frieden mit Apple schließen und mir einfach ein neues MacBook Air kaufen.
Ich sollte dringend was gegen meinen überzogenen Dispo anstellen.
Ich sollte aufhören, mich unter dem Namen "Henrie Schnee" mit Menschen in der echten Welt auseinanderzusetzen.
Ich sollte bald eine Lohnerhaltung kriegen… wenn auch nur in Form von Provisionen.
Ich werde sparsam sein müssen in den kommenden sieben Tagen.
Ich sollte dringend mal nach Paris.
Ich sollte mein Französisch aufmöbeln (Je ne sais pas parler francais, saloppe!).
Ich muss herausfinden, welcher Nährstoffmangel es genau ist, der dieses nicht enden wollende Gefühl des Beinahe-krank-Seins verursacht.
Ich muss einem Kumpel für morgen Abend absagen - oder ihn dazu begeistern, sich bei mir mit Bier die Birne zu verhageln.
Ich starre auf die Punkte am Ende der Sätze, die ich bereits getippt habe.
Ich tippe.
Ich fühle mich gut.
Noch eine Nacht.

14.09.14

Terrorträume

Nach meinem letzten Urlaub hatte ich wochenlang keine Nachrichten mehr gesehen, sondern ließ mir die Entwicklungen der Welt nur noch indirekt über meine Freunde und Familie schildern. Das war ein interessantes Experiment: Normalerweise bin ich es, der die Menschen volltextet, ihnen die Implikationen herleitet und immer die selbe Antwort auf die Schuldfrage bringt: Wir alle haben mal wieder verkackt, weil wir nicht aufgepasst haben.

Die offiziellen deutschen Waffenlieferungen (und unsere geheimen Truppenbewegungen, von denen Medien berichten) in den Irak waren auch der offizielle Anfang vom Ende all meiner Bemühungen, an das gute im Wähler zu appellieren. 

Dumm ist der, der dummes tut… und sich nach 11 Jahren erfolgreicher politischer Distanz am Ende doch noch in den Clusterfuck des Irak-Krieg reinziehen zu lassen, ist eine Dummheit von epischen Dimensionen. Was soll ich sagen? Mir fallen kaum noch Arten ein, auf die ich die Merkel-Generation noch nicht beleidigt habe.

Das Wort, das dieses Jahr in aller Munde ist, ist "Propaganda": Als wäre uns allen klar geworden, dass die Nachrichten hierzulande nie wirklich objektiv und immer etwas pro-deutsch gewesen wären… doch im gegenwärtigen Zustand kaum noch von der emotionalen und selektiven Goebbels-Propaganda zu unterscheiden sind, vor der uns Guido Knopp immer gewarnt hat. Es kommt uns aus den Ohren, und kein Medium kann sich mehr hinter der Unschuldsvermutung verstecken. 

"Kritische Theorie" nennt man das unter Akademikern: Der Moment, in dem dir klar wird, dass jede Kommunikation nur der Lüge und dem Machtdiskurs dient.

Was wieder die Frage nach der bösen Weltverschwörung aufwirft. Wie kann es sein, dass die "echten" Journalisten in diesem Lande so dermaßen weit daneben liegen? Wie lange kann man für N24 arbeiten, ehe man sich zu fragen beginnt: "Moment, was tu ich hier eigentlich?" Wie oft kann man das Wort "Terror" tippen, ehe man anfängt, über das große Ganze nachzudenken?

Der indifferenzierte "War on Terror" wird uns, über kurz oder lang, alle betreffen. Es ist nur eine Frage der Definition… Krieg wird nicht mehr zwischen Nationen geführt, sondern gegen Gruppierungen, gegen Sympathien, gegen die Köpfe der Menschen. Mao Zhedong meinte, der Guerilla (so nannten unsere Großväter einen "Terroristen") sei ein Fisch & die Bevölkerung das Wasser, in dem er schwimmt.

Also, was ist jetzt im Moment die deutsche Strategie? 
Wir liefern Waffen, um Kurden im Nordirak zu bewaffnen, damit diese die "ISIS" in Schach halten können, die wir vergangenes Jahr noch selbst finanziert & ausgerüstet haben, um das Assad-Regime in Syrien zu untergraben (mal ganz zu verschweigen davon, dass wir weiterhin Öl  von ihnen kaufen… :-D). Während die Türkei mit den Säbeln rasselt schaffen wir also ein Schatten-Kurdistan, das uns für die nächsten 10 Jahre von russischem Öl unabhängig machen würde - das uns passenderweise gerade abgedreht wird, weil wir in der Ukraine mehr oder weniger offenen Krieg gegen den Kreml erklärt haben. Gleichzeitig erklären wir "Salafisten" zu Staatsfeinden und erhöhen den Etat für innere Sicherheit, beliefern sie aber mit Waffen, Ausrüstung und Training - machen die Lager leer nach der verkorksten Bundeswehrreform, denn unsere Regierenden haben große Pläne für eine mögliche militärische Zukunft der Bundesrepublik. Wer neue Waffen will, muss erst einmal die Lager schließen. Ironisch, nicht wahr? Nach einem Jahrzehnt, in dem man die Infrastruktur wegen "klammer Kassen" hat verkommen lassen und dadurch eine völlig neue Generation ohne richtige Zukunft herangezüchtet hat, startet das staatliche Anreizprogramm ausgerechnet bei der Rüstungsindustrie.

Krank.

Aber das hier ist meine Strategie:
Ich mach einfach nicht mehr mit. Ich hab die Schnauze voll davon, meinen Verstand zu verstecken, nur um niemandem aufzufallen. Wer auf Propaganda reinfällt hat nichts anderes verdient, als in einem Orwell-Staat zu enden. Ich habe besseres mit meinem Leben vor. Und wenn es das letzte ist, was ich tue: Ich werde versuchen, Leute auf dem Laufenden zu halten, ihnen zumindest die Wahrheit zu sagen, soweit ich sie verstehe. Nichts ist verloren. All diese Snowden-Enthüllungen über einen globalen Überwachungsstaat waren, in gewisser Weise, auch ein gigantischer Bluff: So mächtig sind sie garnicht. Wir bezahlen ihre Gehälter, verdammt nochmal! Hinterfragt jeden & werft euer Geld nicht mehr Menschen hinterher, die bloß euere Ängste ansprechen, aber nicht das Beste in euch. Wir müssen nicht mehr ewig durchhalten, alles ist zyklisch… irgendwann wird auch die Vernunft wieder siegen.

28.08.14

Hungern & Putzen

Strategisches Hungern kann den Intelligenzquotienten um gute 10 Punkte nach oben boosten. 
Diese Information schnappte ich vergangenen Sommer auf, zu Quarantäne-Zeiten, als ich über meiner epischen Abschlussarbeit brütete. Die Frage, die sich mir stellte, war folgende: Wenn ich anfange, mich besser zu ernähren, kann mein Gehirn dann wieder so fabrikneu schnurren wie ein brandneuer Ferrari-Motor?
Studentenfutter, Thunfischsalat mit Delphinbeilage, Multivitamine… ein ganzer Nachmittag der Procrastination ging für diese Recherchen drauf. Einen Konsens gab es nicht: Jeder Körper tickt anders. Die einzige Wahrheit, die sich empirisch bewahrheiten konnte, war die: Hunger macht clever, kurzfristig. 

Der evolutionäre Gedanke dahinter sei der, dass Hungern dem Kopf deswegen Priorität einräumt, weil ihm am ehesten einfallen kann, wie er den Magen wieder füllen kann. So gerne wir davon träumen - die Weintrauben wachsen uns auch im Jahr 2014 nicht gerade ins Maul, oder?

Auch jetzt hungere ich, aus völlig anderen Gründen. Eine frisch aus dem Backofen evakuierte Pizza Speciale duftet neben mir den Raum voll, aber ich bin herrlich breit - die Kombination aus einem produktiven Tag, einer Dose "Monster" (Faszinierend! Sie haben das uralte Problem der Energy-Drinks gelöst! Es schmeckt nicht nach Seifenfabrik!") und einem lokalen Kulturgut, das man in Zigarettenform konsumiert. 
Ich möchte mir dieses Wolke Sieben-Gefühl nicht versauen, indem ich mir meinen Magen vollschlage, erst recht nicht, wenn mir was auf der Zunge brennt, was ich gerne loswerden würde.

Langfristiges Hungern führt natürlich zu Delirium und Tod, aber das wissen wir ja. 

Ich hab den halben Nachmittag damit verbracht, mein Zimmer zu putzen… und nun wirkt es wie ein totales Stillleben, das ich lieber archivieren würde, als darin weiter zu wohnen. Putzen ist die nihilistischste Sache der Welt - Murphys Gesetz macht es völlig überflüssig.
Aber dann googelt man x-fach vergrößerte Elektronenmikroskop-Aufnahmen von Hausstaubmilden & denkt sich… ja… scheiß auf Murphys Gesetz. Ich mute meinem Körper schon genug zu.